Grausame Hinterlassenschaft des Krieges ... – Hilfsaktion in Sierra Leone
„12. März 2003, 11.20 Uhr Ortszeit – es ist soweit, die offizielle Übergabe der aus den Spenden der Neuapostolischen Kirche und ihrer Mitglieder finanzierten Hilfsgüter steht an. Sie findet in Freetown-Aberdeen statt ...“
Bezirksevangelist Fritz Rohrer, als Regional Manager seit etlichen Monaten in der Verwaltung der Neuapostolischen Kirche in Freetown, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Sierra Leone tätig, schildert seine Eindrücke vom Besuch des dortigen Camps, in dem im Krieg schwer verletzte Menschen untergebracht sind, und berichtet von einer Hilfsaktion der Kirche:
Am Anfang sagte uns der Begriff "Handicap International Amputee Camp" nicht viel. In Süddeutschland gab es immer wieder für die kriegsgeschädigten Kinder und Erwachsenen in Sierra Leone Spendenaufrufe und Benefizveranstaltungen. So erinnere ich mich noch gut an einen Bericht anlässlich eines Benefizkonzerts, das der Jugendchor meines Heimatbezirks Stuttgart-Bad Cannstatt zugunsten dieser armen Menschen veranstaltet hat. Der Bericht über die Kriegsverletzten stand im Mittelpunkt des Konzerts; die jugendlichen Sänger, die Zuhörer und auch wir, meine Frau und ich, waren damals sehr betroffen.
Nun erleben wir dies hier in Sierra Leone selbst mit. Vor mir tauchen immer wieder diese Bilder auf:
Im November 2002 besuchte ich dieses Camp mit Evangelist Cole, unserem Country-Manager, zum ersten Mal. Er hat gute Verbindungen und konnte uns einen Ortstermin ermöglichen. Das „Handicap International Amputee Camp“ wird von etlichen Hilfsorganisationen unterstützt und betreut. Es ist zu jener Zeit aus Sicht eines Europäers in einem erbarmungswürdigen Zustand. In den Kriegsjahren verletzte, stark behinderte Menschen, besonders Arm- und Beinamputierte, sind hier mit ihren Familienangehörigen auf einem etwa 300 auf 300 Meter großen eingezäunten Gelände einfachst untergebracht.
Ein Hauch von Elend, Armut, Bitterkeit und auch Hoffnungslosigkeit schlägt mir entgegen. Vielleicht haben auch die vielen schaulustigen Fotografen durch ihr ständiges Bitten um Präsentation Spuren hinterlassen? – An Armen und Beinen verstümmelte Männer und Frauen und auch Kinder schauen mich an. Noch nicht verarbeitete Angst und der Schrecken über das Erlebte blickt aus ihren Augen und berührt mich sehr. Wenn ich nicht wüsste, dass wir hier mithelfen, das Leid zu mildern und Erleichterung zu schaffen, könnte ich es nicht aushalten. Ich glaube, ich würde aus Betroffenheit weggehen.
Immer wieder werden die Eindrücke aus dem Camp in mir lebendig. Und nun ist heute die offizielle Übergabe der Hilfsgüter. Was haben wir nicht alles in Bewegung gesetzt! Unsere kircheneigene Schreinerei in Freetown stellte Werktische, Stühle, Tische und verschiedene Arbeitseinrichtungen her. Orthopädische Hilfsmittel, wie Knie- und Armgelenke, wurden von einer deutschen Spezialfirma gefertigt und auf dem Seeweg nach Sierra Leone gesandt, ebenso viele notwendige Werkzeuge und Rohmaterialien (wie Leder und Kautschuk), Gehhilfen und andere erforderliche Einzelteile.
Am Einlass des neuen Amputierten-Hilfzentrums erwartet uns der Leiter, Direktor Komba Pessima. Einige der bedauernswerten, verletzten Menschen sind ebenfalls am Eingang und blicken uns mit traurigen, fragenden Augen an. Daraus meine ich lesen zu können: "Könnt ihr überhaupt euch in unsere schlimme Situation etwas hineinfühlen? Könnt ihr überhaupt verstehen und fassen, was wir erlebt haben?" Der eine und andere macht auch den Eindruck, dass er einen Schimmer von Hoffnung hat.
Die einzelnen Räume der angegliederten Werkstatt sind mit Fertigungs- und Materialbearbeitungsmaschinen eingerichtet und machen einen professionellen Eindruck. Manches deutsche Kleinunternehmen hätte vielleicht seine helle Freude an dieser außergewöhnlichen Werkstatt! Man merkt es auch den mittlerweile gut geschulten Facharbeitern an, dass sie von ihrer wertvollen Arbeit überzeugt und von ihren Fertigungsgeräten begeistert sind.
Beim Rundgang durch die Werks- und Rehabilitationsräume gewinnen wir mehr und mehr den Eindruck einer wirklich gepflegten und kompetenten Hilfseinrichtung. Eine Therapeutin erläutert uns die Notwendigkeit der psychischen Betreuung der Bewohner hier. Wir sind sehr beeindruckt. Man muss sich einmal vorstellen: Diesen armen Menschen, durch die Kriegsverbrechen fürchterlich geschändet, brutal aus ihrer Lebensbahn geworfen, durch oft lang anhaltende Angstphasen geprägt, kann man nicht einfach sagen: "Alles wird wieder gut! Du musst jetzt eben wieder lernen, selbst zu essen, mit deinen Kunsthänden zu greifen, mit einer neuen Fußprothese zu gehen ..." Besonders die Kinder brauchen viel, viel Einfühlungsvermögen und Geduld.
Nun ist der Augenblick des Übergabeakts gekommen. Eine TV-Videokamera und verschiedene Mikrofone sind auf uns gerichtet. Zu unserem Erstaunen bittet der Campdirektor einen seiner Facharbeiter zunächst, ein Dankgebet zu sprechen, dem sich alle Anwesenden ernsthaft anschließen. Die einleitenden Begrüßungsworte unseres Countrymanagers Cole machen dann deutlich, welchen Umfang und Inhalt unsere Hilfsaktion umfasst. Wir spüren förmlich das Erstaunen, als er den Wert mit 45.000 $ (zu der Zeit etwa 49.000 €) beziffern kann. In meinen anschließenden Ausführungen ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass dies durch Spenden unserer Glaubensgeschwister in Süddeutschland zusammengekommen und der bestimmungsgemäße Einsatz der Geldmittel gewährleistet ist. Der Campdirektor spricht Dankesworte, man hört auch Erleichterung und Hoffnung auf den Erfolg dieser sicher nicht einfachen Arbeit heraus.
Wir können die Zusage machen, auch in Zukunft mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen. Meine Frau und ich, ja alle Mitarbeiter unserer Kirchenverwaltung hier in Sierra Leone sind dankbar und freudig, dass wir bei einer solchen Wohltätigkeit mithelfen können und miterleben dürfen, was infolge des humanitären Engagements unserer Kirche und ihrer Mitglieder hier geleistet wird. Und unsere Hilfsmöglichkeiten als Kirche und Seelsorger beschränken sich ja nicht nur auf finanzielle/materielle Unterstützung ...




